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Game Over - Eine Polizeikolonne rollt durch Flörsheim. Ziel der Beamten: dem illegalen Glücksspiel in ihrer Stadt ein Ende bereiten.

– Acht Vans verlassen die Polizeistation im hessischen Flörsheim und machen sich auf in die Kapellenstraße. Hier werden die Beamtinnen und Beamten von Polizei, Ordnungsamt und Ordnungspolizei einem Spieleabend gleich ein jähes Ende bereiten.

Ein gefliester Raum im Neonlicht. Schmutzränder unter den Tischen, Deutschrap in der Luft. Von den Wänden des Sportcafés im hessischen Flörsheim blicken Boris Becker und Steffi Graf und außerdem fünf Überwachungskameras auf die Gäste herab. Einer von ihnen sitzt direkt am Eingang vor einem Glücksspielautomaten und raucht.

Hinten in einer Ecke spielen drei jüngere Männer ein Kartenspiel an einem digitalen Spieltisch. Der Gast, der mit Kippe und Kaffee am Fenster sitzt, sieht die Gruppe draußen als erstes. Sie kommt zügig auf den Eingang zu, der reflektierende Schriftzug POLIZEI auf den dunklen Monturen leuchtet durch den Nieselregen.

Die Kartenspieler zucken zusammen, als die Einsatzkräfte in das Café drängen. Eine Kontrolle, verkündet einer der Beamten ruhig. Hände da lassen, wo er sie sehen kann. Keine Handys. Ausweispapiere, bitte. Alle Anwesenden fügen sich, auch wenn der Wirt seine Gefühle nur schwer verbergen kann. Doch fürs Erste begnügt er sich mit ein paar pampigen Sprüchen, und der Einsatzleiter der „Beweis- und Festnahmeeinheit“, kurz BFE, gibt Bescheid, dass die anderen Kollegen reinkommen können.

Polizeihauptkommissar Michael Schulz liebt Heavy Metal und hat etwas gegen illegales Glücksspiel in seinem Revier.

Die warteten draußen im Regen vor einem Torbogen aus weißen Plastikrosen darauf, endlich loslegen zu dürfen. Sie jagen einarmige Banditen. Illegale Glücksspielautomaten, die Spielerinnen und Spielern unerlaubt und unerhört viel Geld aus den Taschen ziehen, vulnerable Menschen in Abhängigkeit führen und deren Einnahmen häufig andere kriminelle Aktivitäten finanzieren.

Insgesamt fünf Parteien haben sich an diesem Abend zusammengetan, um verdächtige Lokale in der 22.000-Seelen-Stadt Flörsheim auf illegales Glücksspiel und Verstöße gegen die Gewerbeordnung zu kontrollieren.

Die BFE bildet die Vorhut. Ordnungspolizei und Ordnungsamt führen die Kontrolle durch, die Polizei sichert ab und leistet Amtshilfe. Außerdem ist an diesem Abend ein Sachverständiger von einem Glücksspielunternehmen dabei. Er weiß von allen Anwesenden am besten, wie man illegale Geldspielautomaten erkennt und wie man ihnen ihre schmutzigen Geheimnisse entlockt.

Acht Vans verlassen die Polizeistation im hessischen Flörsheim und machen sich auf in die Kapellenstraße. Hier werden die Beamtinnen und Beamten von Polizei, Ordnungsamt und Ordnungspolizei einem Spieleabend gleich ein jähes Ende bereiten.

Nicht nur sein Arbeitgeber leidet unter der illegalen Konkurrenz. Rund sechs Milliarden Euro fließen in Deutschland jährlich in illegales Glücksspiel. Dem Finanzamt gehen so jedes Jahr Einnahmen verloren, vom fehlenden Schutz für Spielerinnen und Spieler ganz zu schweigen. „Hier in Flörsheim will ich das nicht haben“, sagt Michael Schulz.

Erster Polizeihauptkommissar Schulz leitet die Polizeistation Flörsheim-Hochheim seit rund eineinhalb Jahren, er trägt Brille und Ohrstecker, für den Einsatz außerdem eine Schutzweste über einem babyblauen Polizei-Rolli. Im Büro des 55-Jährigen ist jeder Zentimeter von Andenken besetzt: Glückwunschkarten, ein Kissen mit dem Emblem des VfL Bochum, Sticker seines Lieblings-Energydrinks. An den Wänden hängen Dutzende Fotos und signierte Tickets – Guns n’ Roses, Kiss, Peter Maffay.

Am Nachmittag vor dem Einsatz hat Schulz zur Einsatzbesprechung geladen und einen Überblick gegeben: Wo geht es hin? Sind Hinterausgänge, Hinterzimmer, bekannte Personen zu erwarten? Das Meeting ist nur kurz. Denn Polizei und Ordnungsamt sind in Flörsheim mittlerweile ein eingespieltes Team. „Das ist etwas Besonderes“, sagt Simon Rahner, der Leiter des Ordnungsamts, in anderen Kommunen und Städten laufe die Zusammenarbeit nicht immer so gut.

Schulz und er hielten sich täglich auf dem Laufenden, arbeiteten auf Augenhöhe zusammen. Außerdem absolvieren sie Schulungen, um überhaupt zu verstehen, wie das Recht illegales Glücksspiel definiert, was legale von illegalen Aktivitäten unterscheidet und mit welch ausgefeilten Tricks die Betreiber arbeiten.

Als die Einsatzkräfte das Lokal betreten, spielt der Wirt gerade selbst an einem Fun4Four‑Tisch.

Seit Jahresbeginn haben Schulz und Rahner bei sechs Einsätzen 23 Automaten sichergestellt – die meisten waren billig zusammengebastelte Maschinen, auf denen Raubkopien von bekannten Spielen wie „Book of Ra“ laufen. Man kann sie für rund 1500 Euro über Kleinanzeigen kaufen, das ist sogar noch legal. Illegal betrieben machen sie um die 10.000 Euro Umsatz im Monat.

Im vergangenen Jahr haben die Behörden jede verdächtige Lokalität in Flörsheim kontrolliert – einige sogar zweimal, nur um festzustellen, dass die konfiszierten Geräte längst durch neue ersetzt worden waren.

Abends im Café treffen die Beamtinnen und Beamten auf einen Wirt, sein Chef ist nirgends zu sehen. Der junge Mann in grauer Chino und weißen Sneakern ist mit dem Überraschungsbesuch sichtlich überfordert. Zwei, drei Leute aus Schulz’ Truppe stehen immer in seiner Nähe. „Ich kann Kampfsport“, blafft er. Von Schulz will er sich nichts sagen lassen. „Gehen Sie mir aus den Augen, Sie regen mich auf“, fährt er ihn an.

Die anderen gehen derweil ihren Aufgaben nach: Zwei Mitarbeiterinnen von Ordnungspolizei und Ordnungsamt übernehmen die Theke, öffnen jede Keksdose, fotografieren verdächtige Papiere. Sie finden Umschläge voller Bargeld und Listen, die Auszahlungen an Gäste dokumentieren – wichtige Beweismittel.

Denn aus illegalen Automaten prasselt der Gewinn nicht heraus – er wird an der Theke ausgezahlt. Nicht selten bekommen Ordnungsamt und Polizei Tipps von geprellten Spielerinnen und Spielern, denen der Gewinn verweigert wurde. Oder die Konkurrenz verpfeift sich gegenseitig.

Mitarbeiter von Ordnungspolizei und -amt durchsuchen Theke, Schubladen und Keksdosen. Sie finden jede Menge Bargeld, das sie vor Ort zählen und sortieren.

Der Wirt will rauchen, darf aber nicht und reagiert trotzig. Die Atmosphäre wird hitziger, der Kreis von Beamtinnen und Beamten in Habacht-Stellung enger. „Haltet die Wege frei“, murmelt eine Kollegin. Aber Schulz will keinen Machtkampf, er will Ruhe. Also eskortieren eine Kollegin und ein Kollege den Wirt vor die Tür, wo er sich eine Kippe nach der anderen ansteckt. Bald hört man angeregtes Geplauder von draußen, sogar Lachen. Der Beamte ist Kommunikationsprofi, auf Deeskalation geschult. „Ich kann es nicht mehr hören.“

Schulz seufzt tief, er meint die Ausflüchte des Wirts. Obwohl er den Betreiberinnen und Betreibern solcher Lokalitäten aus ihrer Sicht meist Unheil bringt, hat der Kommissar keine Angst, in gefährliche Situationen zu geraten. Erstens, weil sie alle aufeinander aufpassen und kein Risiko eingehen würden, „die Eigensicherung steht an erster Stelle“.

Und zweitens „tun wir das hier ja nicht, weil wir Angst haben, dass morgen die Mafia Flörsheim übernimmt“. Der Main-Taunus-Kreis zähle zu den reichsten Landkreisen Deutschlands, Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen hätten ganz andere Probleme. Dennoch: „Geht das illegale Glücksspiel, verschwinden auch andere kriminelle Tätigkeiten“, davon ist Schulz überzeugt.

Im Inneren der illegalen Automaten: Plastikschütten voller Bargeld. Die konfiszierten Automaten werden untersucht, asserviert und später vernichtet.

Die Gäste des Cafés müssen sich ausweisen, dann dürfen sie gehen. „Nie wieder komme ich hierher“, murmelt der Mann am Fenster noch, als er hastig aufsteht. Sein Kaffee für 2,10 Euro geht an diesem Tag aufs Haus. „Was ist denn das, was macht ihr damit?“, fragt kurz darauf der Sachverständige und deutet auf eine kleine Tafel an der Wand. „Magic Towers 1p) 200 2p) 50 bis 30/11/2023“ steht da. „Keine Ahnung“, behauptet der Wirt.

Der Experte weiß es natürlich schon: Wer bis Ende des Monats den höchsten Score bei „Magic Towers“, einem Kartenspiel auf dem Spieltisch namens Fun4Four, verzeichnet, kassiert 200 Euro, der Zweitplatzierte noch 50. Die Tafel macht aus einem erlaubten Kartenspiel an einem legalen Gerät ein strafbares Vergnügen. Den Veranstaltern von illegalem Glücksspiel drohen Geldstrafen oder bis zu zwei Jahre Gefängnis. Fürs Erste werden die Spieltische konfisziert und auf die Ladefläche eines bereitstehenden Lkw geladen.

Eine Tür im Gastraum öffnet sich zu einem schmalen Flur. Er ist vollgestellt mit Getränkekisten und Kleiderstangen und endet in einem kahlen Hinterzimmer ohne Fenster. An einer Wand stehen drei offensichtlich illegale Automaten. Der Wirt versichert, der Raum sei immer abgeschlossen, außerdem gehöre er gar nicht zum Lokal. Dabei glimmt in einem Aschenbecher noch eine halb gerauchte Zigarette.

Zwischen zerknüllter Weihnachtsdeko, Toilettenpapiervorräten und angestaubten Plastikblumen hat hier jemand noch vor wenigen Minuten sein Glück gesucht. Ob er es gefunden hat? Er hat auf jeden Fall einiges dafür gegeben, wie viele andere auch. Der Sachverständige ruft die Software der Automaten auf und lässt sich die Buchhaltung anzeigen: Das linke Gerät wurde in den vorangegangenen sechs Wochen mit 63.425 Euro gefüttert. Schein für Schein, rein rechnerisch 1500 Euro pro Abend, sind in dem blinkenden Automaten verschwunden.

Das Gerät daneben hat binnen zwei Jahren 642.345 Euro geschluckt. An illegalen Apparaten können die Betreiber einstellen, wie hoch die Gewinnrate sein soll. Anfängerinnen und Anfänger werden auf diese Weise mit hohen Gewinnen gelockt – und wundern sich später über ebenso hohe Verluste.

Drei Stunden lang durchsuchen die Beamtinnen und Beamten das Café, arbeiten sich durch Checklisten, schleppen Spielautomaten auf die Straße.

Als sie fertig sind, fehlt dem Laden die halbe Einrichtung. Wieder ein erfolgreicher Einsatz. Und der trägt dazu bei, dass Flörsheim in der Statistik bald als Hotspot des illegalen Glücksspiels erscheinen wird. Aber so ist das mit Kontrolldelikten eben: Entschlossenes Vorgehen bringt überhaupt erst Licht ins Dunkel.

Game over: Ohne die illegalen Spielgeräte ist in dem Lokal nicht mehr viel übrig. Vorerst, denn Ersatz ist oft schnell beschafft. Aber auch die Einsatzkräfte werden wiederkommen.

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Pressekontakt - Simon Obermeier, Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, LÖWEN ENTERTAINMENT
Simon Obermeier
Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit